Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein Sprung für Sjøgård!

Da ich die Lizenz zum Algenzüchten in dem von mir beantragten Gebiet bei Ylvingen / Vega – in der Mitte von Norwegen auf ca. 65°34.61 N / 011°55.54 E – erst anfangs Oktober letzten Jahres erhalten habe, war der Zeitpunkt eher ungünstig, um noch ein wenig Material ins Wasser zu bringen. Also werde ich noch ein Jahr verlieren, dachte ich. Weil die im Norden hauptsächlich angebauten Algen im Herbst ausgesäht und im Frühling geerntet werden.

Ich widmete mich im Herbst und Winter anderen Projekten, bevor ich Anfang Frühling den Faden “Algenzucht” wieder aufnahm und versuchte, das eine oder andere bereits aus der Schweiz zu organisieren. Schliesslich wollte ich bereits im Mai zwei Bojen an Leinen und Ketten in den an das Norwegische Seekarten-Institut angemeldete Positionen verankern, damit ich im Herbst bereit bin, drei verschiedene Spezies auszupflanzen und deren Wachstum und Qualität zu testen. Dazu führte ich mehrere eMeetings mit befreundeten Seewirten durch, in welchen es mehrheitlich um die Möglichkeiten von Materialbeschaffung und -dimensionen ging. Man muss sich bereits frühzeitig für ein System entscheiden und mit der Idee dann auf die Fischfarmen zugehen. Diese müssen von gesetzteswegen regelmässig ihre Leinen, Bojen, Anker und Ketten auswechseln und sind froh, wenn sie das Equipment einem Projekt wie Sjøgård – the Sea Farm AS weitergeben können. Ansonsten müssen sie es für teueres Geld entsorgen lassen.

Nach gefühlt rund zwanzig eMails und vielen Anrufen an Fischfarmen in der Region und praktisch keinen Reaktionen darauf, habe ich mich in einem weiteren Schritt an die Bekannten und Freunde auf Ylvingen gewendet. Und prompt kam das ganze etwas ins Rollen. Man muss dazu sagen, dass es in Norwegen anders ist mit Vereinbarungen und Terminen, wie in der Schweiz. Vieles läuft kurzfristiger ab. Ich denke, das hat damit zu tun, dass es bis vor ein paar Jahrzehnten kaum möglich war, mittelfristig bis langfristig “verbindliche” Pläne zu schmieden, da einem das Wetter ja sowieso regelmässig einen Strich durch die Rechnung machte… Aber immerhin war mein Anliegen jetzt auf dem RADAR von einigen Verantwortlichen in der Region.

Am 16. Mai abends habe ich den Zug von Basel gen Norden genommen, ohne wirkliche Ahnung, was mir in den kommenden zwei Wochen bevorsteht, bzw. gelingen wird. Keine einfache Erfahrung für einen 3/4 Schweizer. Es ist eine ziemliche Strecke von Gelterkinden nach Ylvingen, wenn man am Boden reist. Aber ich kam guter Dinge am Festland vor der Insel an und habe noch am gleichen Nachmittag mich mit Glenn getroffen, dem Verantwortlichen für das Material der Akva Future AS. Den Kontakt wurde mir von William von der Insel vermittelt. Man muss sich vorstellen, im Gebiet in der Gegend um Brønnøysund – obwohl deutlich grösser – leben ähnlich viele Menschen wie im obersten Baselbiet. Man kennt sich von daher. Und einen Local als “Vermittler” zu haben, ist halt überall Gold wert. Zum Glück ist diese Firma gerade am Auswechseln von einiger Ausrüstung und so konnte ich mir zwei grosse, gelbe Bojen, mit dazu gehöriger Kette, und eine volle Kiste mit dicken Leinen aussuchen. Nur für die Anker musste er mich auf den Herbst vertrösten. Macht nichts, ich hatte noch einen Plan B bereit.

Die nächste Herausforderung war der Transport dieses Materials von Brønnøysund nach Ylvingen – und später dann zur Farm (dazu unten mehr). Freunde von uns, welche vor Jahren von den Niederlande auf die Insel Vega (Nachbarinsel zu Ylvingen) gezogen sind, haben einen Minibus und einen grossen Anhänger. Ich hätte auch etwas auf Ylvingen borgen können, aber das Problem ist, dass man auf der Fähre von Brønnøysund nach Ylvingen rückwärts ins Schiff reinfahren muss und das kann ich mit Anhänger einfach nicht. Ich werde ja Seewirt und nicht Landwirt. Aus diesem Grund kann ich nicht einfach die Fahrzeuge leihen, ich muss auch eine:n Fahrer:in haben… Bastian von der Trollskog Snekeri AS hatte Zeit und war flexibel genug, um einen guten halben Tag mich und mein neues Material rumzukutschieren.

Als Anker habe ich zwei grosse Steine mit je ca. 300 – 400 kg vorgesehen. Die hat unser Freund Bjørnar, der Landwirt vom Bakken Gård auf Ylvingen, am Strand gefunden und mit seinem Traktor zur Anlegestelle gebracht. Jetzt musste jeweils ein Loch gebohrt und einen Augbolzen einbetoniert werden. Auf der ganzen Insel hat aber niemand das entsprechende Werkzeug. Und ein weiteres Mal hat Bjørnar die Lösung geliefert. Die Landwirte der Kommune Vega, zu welcher auch Ylvingen gehört, stellt in einem Verband Werkzeuge zur Verfügung, welche nicht alle einzeln benötigen. Mit diesem Gerät ging das Bohren sehr einfach vonstatten und ich konnte die Augbolzen montieren.

Während der Suche nach den richtigen Steinen und Maschinen, habe ich die verschiedenen Leinenstücke auf die benötigten Längen gespleist und versucht, den Weitertransport auf dem Wasser zur Farm einzufädeln. Da hatte ich einige Ideen. Bessere und gewagtere. Leider sind die bessern alle so kurzfristig dann doch nicht möglich gewesen. Ein Schiff mit mit einem Kran drauf, von welchen die Fischfarm auf Vega zwei hat, wäre natürlich am elegantesten gewesen. Aber leider nicht verfügbar in der Zeit, wo ich in der Region war. Zum Glück hängt in der Bucht von Ylving Vågen der ausgediente Schwimmsteg vom Kleinboothafen an einer Boje. Der sei zwar bereits verkauft, aber noch nicht bezahlt und ich solle ihn doch einfach verwenden. Allerdings ist der bereits etwas baufällig und ich war nicht so sicher, ob er eine Reise über sieben Seemeilen mit schwerem Gepäck und zurück überstehen würde. Aber was sollte ich machen? Es wurde schwierig genug, einen “Schlepper” zu organisieren.

Zum Schluss kam mir unser Freund Emil zu Hilfe, der Mitgründer und Geschäftsführer von Seil Norge AS, welcher auf Ylvingen noch ein zweites Projekt betreut. Er ist der Typ “try and error”, den irgendwie fast nichts aufhält. Er hat mich darin bestärkt, dass mit dem Schwimmsteg und seinem ausgedienten Rettungsboot mit 80 PS Aussenborder doch einfach zu versuchen. Also haben wir am Dienstag den Steg noch etwas ausgebessert und mit dem Kran alles drauf geladen. Die schweren Steine sollte ich mit einem Hebeleisen runterwuchten, wenn ich an Ort und Stelle bin. Am Mittwoch, dem 27. Mai, meinem letzten Tag auf der Insel, hatte der Wind von Südwesten auf Norwesten gedreht und der Regen nachgelassen. OK-Bedingungen für mein Vorhaben und ich bin am Morgen früh los. Mit der ganzen Last im Heck konnte ich nur rund 2.5 Knoten fahren, entsprechend lange war ich unterwegs.

Vor Ort war der Wellengang dann doch höher als angenommen, aber grad noch im Bereich des Machbaren. Ich habe mit einer Kraftanstrengung beide Anker in ihren vorbestimmten Positionen wassern können. Die Bojen mit einer Leine zu verbinden, war schwieriger als ich mir das vorgestellt habe. Es hat deutlich länger gedauert, bis ich eine für den Moment akzeptable Lösung zustande brachte und sich die Bojen jetzt in etwa an den vorgesehenen Positionen befinden. Erschöpft, aber zufrieden, bin ich rund zehn Stunden später wieder in den Ylving Vågen eingelaufen. Mit einem leeren und nach wie vor intakten Schwimmsteg am Heck.

Auf dem Papier bin ich die einzige aktive Person, welche sich um das Projekt “Sjøgård – the Sea Farm AS” kümmert. In der Realität hätte ich es niemals in so kurzer Zeit geschafft, alles nötige zu organiseren, bereitzustellen und sogar zu wassern, ohne die imense Unterstützung der Menschen um Ylvingen / Vega. Es ist vielleicht nicht so einfach, mit den Locals weit in die Zukunft zu planen, aber wenn man Unterstützung benötigt, dann stehen sie fast jederzeit bereit. Und dafür bin ich sehr dankbar! Einen weiteren Dank geht an alle Spender und Gönnerinnen, welche mein “verücktes” Projekt ohne Erfolgsgarantie unterstützen und daran glauben, dass da was gutes ensteht. Es ist ein Privileg, einen Teil einer so wohlwollenden Gemeinschaft zu sein – herzlichen Dank og hjertelig takk!!!

3 Replies to “Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein Sprung für Sjøgård!”

  1. bin über boetdriver auf deine blogg gekommen. super intressant. würde gerne weier lesen.

  2. Schön, dass der Aufbau für deine Algenfarm nun die ersten Hürden genommen hat! Jetzt ist Bewegung drin und ich helfe dir gerne auch vor Ort. Bin gespannt wie es weitergeht!

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